Dr. Jana Funk
Philosophin und Coach

Demokratie als Haltung. 

Die Möglichkeiten und Grenzen einer demokratischen Gesellschaftsstruktur sind besonders in Krisenzeiten erkennbar. Die Gesundheitskrise der letzten Jahre und die aktuelle Zuspitzung sozialer Fragen macht die Fragilität der wertebasierten gesellschaftlichen Grundlage greifbar: die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung ist keine Erfindung soziologischer Diskurse, sondern eine erlebbare Realität.
Ob in Medien, politischen Debatten, in der Schule oder in Seminarräumen: die Fähigkeiten miteinander zu sprechen und dabei unterschiedliche Meinungen und Positionen anerkennen, über diese auch kontrovers diskutieren zu können, ohne die Kontroversen persönlich oder emotional werden zu lassen, sind brüchig geworden.
Es sind diese Fähigkeiten, welche als Ambiguitätstoleranz bereits seit den 70er Jahren im akademischen Diskurs diskutiert werden. Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik wies diese Kompetenz „Mehrdeutigkeiten und Widersprüche auszuhalten“ als Ambiguitätstoleranz aus.
Natürlich ist die Fähigkeit Widersprüche aushandeln und aushalten zu lernen in allen Bereichen des Lebens – im privaten, beruflichen und öffentlichen Leben – wichtig. Aus der Perspektive der politischen Bildung ist Ambiguitätstoleranz jedoch für das gesellschaftliche, demokratische Zusammenleben zentral.
Freiheitliche Demokratien sind schließlich auf politisch aufgeklärte Bürger:innen angewiesen. Politische Aufklärung hat zwei Seiten – eine Seite des Wissens: ein aufgeklärter Bürger muss sich mit den Strukturen und Funktionsweisen liberal-demokratischer Institutionen auskennen und muss in der Lage sein, Verfahrensweisen demokratischer Politik für sich in Anspruch nehmen zu können. Anders ausgedrückt, muss ein Bürger in der Lage sein, Demokratie als Sachverhalt verstehen zu können.
Doch politisch aufgeklärt heißt auch, die Fähigkeit zu entwickeln, die die eigenen Interessen verstehen, formulieren, vertreten und Koalitionen in Form von politischen Gruppen für Interessensvertretung bilden zu können. Diese Fähigkeit umfasst auch eine solide Ambiguitätstoleranz – für ein demokratisches Miteinander brauchen Bürger:innen die Fähigkeit, mit Interessenskonflikten umgehen zu können und trotz verschiedener Positionen stets das Recht auf freie Entfaltung Anderer anzuerkennen. Ein mündiger Bürger muss damit auch in der Lage sein, Demokratie als Haltung zu leben.
Mit diesem Seminarformat möchte ich diesen Aspekt demokratischer Mündigkeit in den Blick nehmen und Haltungskompetenzen – insbesondere die Ambiguitätstoleranz – fördern.